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MHDBDB Next: Forschen ohne Datenbankserver 

Logo der neue Frau Venus mit schwarzen Linien auf weißem Grund

Die Mittelhochdeutsche Begriffsdatenbank (MHDBDB) gehört zu den ältesten digitalen Forschungsinfrastrukturen der germanistischen Mediävistik. 1972 als Dissertationsprojekt auf Lochkarten gestartet, 1995 als eine der ersten geisteswissenschaftlichen Datenbanken im Web verfügbar und 2022 mit einem 50-jährigen Jubiläum gefeiert, steht die MHDBDB seit 2025 vor ihrer bislang tiefgreifendsten Erneuerung: der vollständigen Migration auf den TEI-XML-Standard und einer zugehörigen, datenbankfreien Forschungsplattform.  

Wer die Vorgeschichte kennt, versteht, warum die aktuelle Migration so einschneidend für uns ist. Über zwei Jahrzehnte lang bildete eine Oracle-Datenbank den Kern der MHDBDB. Sie speicherte die mittelhochdeutschen Texte tabellarisch, erschloss sie über ein proprietäres Zeilennummerierungssystem (den sogenannten Linecode) und verknüpfte jeden Token mit Lemma, Wortart und einem internen Begriffssystem von rund 500 semantischen Kategorien. Das System war für seine Zeit bemerkenswert leistungsfähig, wird aber bald enden:  Die Oracle-MHDBDB wird Ende 2026 abgeschaltet. 

Der Weg in die Gegenwart führte zunächst über einen Zwischenschritt: Ab 2023 wurde eine RDF-Graphdatenbank mit über 7 Milliarden Tripeln aufgebaut und öffentlich zugänglich gemacht. Doch die Weiterentwicklung dieser Infrastruktur musste 2025 eingestellt werden (zu den Gründen s. unten). Was bleibt, und was seither konsequent ausgebaut wird, ist ein radikal anderer Ansatz: kein Datenbankserver, kein Backend, stattdessen offene TEI-XML-Dateien auf GitHub, ein maschinenlesbares Regelwerk in Form von Authority Files und eine clientseitige Webanwendung, die vollständig im Browser läuft. 

Das Korpus umfasst derzeit 667 mittelhochdeutsche Texte, alle im TEI-XML-Format annotiert und unter einer CC-BY-NC-SA-4.0-Lizenz frei zugänglich. Neben den Texten bilden acht Authority Files das Rückgrat der Infrastruktur. Diese XML-Normdateien legen fest, wie Entitäten im gesamten Korpus benannt und referenziert werden. 

Die neue Forschungsplattform unter dhcraft.org/mhdbdb-tei-only folgt einem architektonischen Prinzip, das in der geisteswissenschaftlichen Infrastruktur eher ungewöhnlich ist: Es gibt keinen Server, der Abfragen entgegennimmt. Stattdessen werden beim ersten Besuch zwei komprimierte JSON-Indizes in den Browser geladen – ein 3 MB großer Authority-Index und ein 40 MB großer Korpusindex. Alle Suchen laufen danach clientseitig in JavaScript, mit Antwortzeiten im Millisekundenbereich. Weil der Index einmal gecacht wird, funktioniert die Plattform auch offline. Die Leseansicht rendert die TEI-Dateien direkt. Weil keine Serverinfrastruktur betrieben werden muss, ist das System wartungsarm und stabil gegenüber Finanzierungsunterbrechungen. Die Oberfläche gliedert sich in zwei Modi.

Korpussuche

Für den schnellen und unkomplizierten Einstieg bietet die Korpussuche Volltextzugang mit einer Basissuche, Leseansicht und Download-Funktion.  

Screenshot Korpussuche MHDBDB Next

 

 

 

 

 

Playground

Der Playground ist das Werkzeug für komplexere Fragestellungen. Sein Drei-Spalten-Layout (Korpusbrowser links, Abfragebereich mittig, Ergebnisse rechts) ermöglicht unter anderem folgende Funktionalitäten: 

  • Multi-Lemma-Suche 
  • Lemmasuche nach Versposition 
  • Wortfrequenz-Analyse 
  • Text-Statistiken 
  • Lemma-Verteilung 
  • Begriffs-Verteilung (s. Abbildung) 
  • Textvergleich 
  • Kookkurrenz-Ranking 
  • Erweiterte Figurenbezeichnungen 

Screenshot Playground MHDBDB Next

 

 

 

 

 

 

 

 

Nicht nur ist die Funktionalität wesentlich übersichtlicher als in den alten Interfaces, sondern die neue Infrastruktur löst auch mehrere Probleme der Vorgängerversionen gleichzeitig. 

Interoperabilität

TEI-XML ist ein allgemeiner Standard. Texte aus der MHDBDB können mit Werkzeugen wie CATMA, eXist-db oder Stylo nachgenutzt werden, ohne proprietäre Exportformate zu durchlaufen. Authority-File-IDs sind zudem stabile Referenzpunkte für Verlinkung mit GND, Wikidata und anderen Normdatensätzen. 

Transparenz

Jede Annotationsentscheidung ist im XML sichtbar und nachvollziehbar. Die Pipeline-Skripte liegen offen auf GitHub: Wer wissen möchte, warum ein Token so lemmatisiert wurde, kann es nachvollziehen. 

Nachhaltigkeit und Unabhängigkeit

Ein GitHub-Repository mit JSON-Indizes ist besser zu warten als eine gehostete Datenbankinfrastruktur, da kein Datenbankserver und keine API benötigt werden. Es besteht auch keine Abhängigkeit von institutioneller Serverkapazität (s. HPC_Blog Beitrag: https://dhsalzburg.hypotheses.org/6757).  

Erweiterbarkeit

Das TEI-XML-System der MHDBDB ist keine abgeschlossene Migration, sondern das Korpus kann kontinuierlich über eine Pipeline erweitert werden, wie wir vor kurzem mit der Wenzelsbibel demonstriert haben.  

Das Schema erlaubt genrebedingte Erweiterungen, ohne das Gesamtkorpus zu destabilisieren. Die Aufnahme der ARITHMETIC-Handschriften (sechs frühneuhochdeutsche Rechenbücher) wird zeigen, wie domänenspezifische Inline-Elemente optional ins Schema aufgenommen werden können, ohne dass bestehende Annotationen davon berührt werden. 

Wer mit der MHDBDB arbeitet oder Texte beitragen möchte, findet den aktuellen Stand hier und das Repository auf Github. Anfragen zur Mitarbeit und zum Beitragen von Texten in die MHDBDB nimmt das Team unter mhdbdb@plus.ac.at entgegen.


Weiterlesen: 

Zeppezauer-Wachauer, Katharina (2022): 50 Jahre Mittelhochdeutsche Begriffsdatenbank (MHDBDB). In: Beiträge zur mediävistischen Erzählforschung, Themenheft 12, S. 161–186. DOI: 10.25619/BmE20223203  

Zeppezauer-Wachauer, Katharina/Hintersteiner, Julia/van Beek, Alan u. a.: Lessons Learned eines der ältesten DH-Projekte der Welt: Paradigmenwechsel von RDF-Strukturen zu AI-gestützter Erschließung in der MHDBDB. In: Book of Abstracts – DHd 2026, hg. von Silke Schwandt, Gabriel Viehhauser, Tara Andrews, u. a., 2026, S. 326–330. 

WB-DEA meets MHDBDB: Die Wenzelsbibel als Pilotmodell für interoperable Editionen

 

Katharina Zeppezauer-Wachauer, Alan van Beek und Julia Hintersteiner
Katharina Zeppezauer-Wachauer, Alan van Beek und Julia Hintersteiner

Nur der Text ist unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung 4.0 International nutzbar. Alle anderen Elemente (Abbildungen, importierte Anhänge) sind „Alle Rechte vorbehalten“, sofern nicht anders angegeben.


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Katharina Zeppezauer-Wachauer, Alan van Beek und Julia Hintersteiner (9. Juli 2026). MHDBDB Next: Forschen ohne Datenbankserver . Digital Humanities an der Universität Salzburg. Abgerufen am 16. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16jkg


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