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Vorname „Süßkind Zuschinus Jekutiel“? Nachname „von Weinheim, de Francfort“?

Zur Modellierung von Namen aschkenasischer Juden in Datenbanken

Ruth Bruchertseifer (Trier) arbeitet in den Bereichen der semantischen Modellierung von Personendaten und Linked Open Data mit Schwerpunkt auf Themen der spätmittelalterlichen Geschichte und der Geschichte der Juden. Ihr Dissertationsprojekt verortet sich innerhalb der Forschungsgruppe „Aschkenas in neuen Lebenswelten. Akteure, Praktiken und Räume in der jüdischen Geschichte Mitteleuropas während des 15. und 16. Jahrhunderts“, die im Frühjahr 2025 an den Standorten Trier, Duisburg-Essen und Münster entsteht. Sechs Teilprojekte aus den Geschichtswissenschaften, der Judaistik und den Digital Humanities nehmen die nächsten vier Jahre die Lebenswirklichkeiten von mitteleuropäischen Jüd:innen (Aschkenasim) am Übergang zur Frühen Neuzeit in den Blick. Ziel der gemeinsamen Projektarbeit ist, einen online verfügbaren Index fontium historiae Judaicae zu erstellen, der eine bessere Erforschung der zu dieser Zeit stark in verschiedenen Wandlungsprozessen begriffenen jüdischen Lebenswelt(en) zulässt.

In ihrem Vortrag beim Symposion des Mediävistikverbands legte Ruth Bruchertseifer den Fokus auf Überlegungen zu einem passenden Datenmodell für die Erfassung und Darstellung von aschkenasischen Personennamen in einer Datenbank. Sie ist die Arbeitsgrundlage und wird gleichzeitig auch öffentliches Ergebnis des gesamten Projekts sein. Die vorgestellten Merkmale der untersuchten Personennamen machten deutlich, welche Herausforderungen bei deren semantischer Modellierung entstehen. An Beispielen zeigte Bruchertseifer, wie die Zweinamigkeit von in der Regel jüdischen Männern Entscheidungen bei der Modellierung bestimmte. Die Praxis der jüdischen Zweinamigkeit lässt sich nämlich nicht auf das moderne Konzept des „Vornamens“ und „Nachnamens“ engführen, da es sich um mehrere Vornamen handelte, die in verschiedenen geistlichen und weltlichen Kontexten ihren Einsatz fanden.

Um besondere Namensformen als strukturierte Daten zu erfassen und zu verwalten, gibt es durchaus Ansätze, die Bruchertseifer im Hinblick auf ihre Anwendbarkeit im Projekt analysierte: Die China Biographical Database (CBD) oder das Repertorium Academicum Germanicum (RAG) ermöglichen zum Beispiel schon diverse digital gestützte prosopographische Forschungen im europäischen oder globalen Raum des Mittelalters und der (Frühen) Neuzeit und berücksichtigen dabei in unterschiedlichem Maße die Komplexität von Personennamen. Ohne weiteres auf andere Projektkontexte übertragbar sind die dabei verwendeten digitalen Methoden jedoch nicht. Hier hat sich wiederum das CIDOC Conceptual Reference Model als vielversprechender Ansatz für Bruchertseifer erwiesen. Denn es bringt schon einiges an Kontextwissen mit, das für den Umgang mit Kulturdaten und geisteswissenschaftlichen Fragestellungen erforderlich ist. Gleichzeitig verzichtet es auf eine eigene Namensklasse und bietet somit die notwendige Flexibilität bei der Modellierung der besonderen Namensformen im Projekt. Für das grundlegende Verständnis von Personen im Modell wiederum verspricht eine Herangehensweise wie die im Golden Agents-Projekt den größeren Mehrwert. Mit der Aufnahme der gemeinsamen Projektarbeiten in den kommenden Wochen wird dieser Ansatz zu einem vertieften Verständnis der aschkenasischen Lebenswelten führen, wenn besser erfasst und visualisiert werden kann, in welchen Wechselbeziehungen eindeutig zugeordnete Personen mit ihrer Umwelt agierten.

Der Vortrag lieferte sehr gute Argumente dafür, bestehende Standards zu nutzen und vorhandene Datenmodelle weiterzuentwickeln. Mit den Herausforderungen, die durch die Eigenheiten der historischen Untersuchungsgegenstände – hier aschkenasische Personennamen – , entstehen, ist jedes Forschungsprojekt konfrontiert. Es ist die wichtige Aufgabe von digital humanists, gemeinsam mit Fachwissenschaftler*innen spezifische Lösungen zu hervorzubringen, die den Besonderheiten dieser Gegenstände gerecht werden. Diese müssen aber die bereits entwickelten Semantic Web-Technologien einsetzen, damit Insellösungen vermieden und die erhobenen Daten flexibel nachnutzbar gemacht werden. Das zu erreichen, ist ein kreativer und vor allem kollaborativer Prozess im Spannungsfeld von fachwissenschaftlichen Anforderungen und digitalen Technologien.


Tools, Technologies & Resources

Golden Agents. Creative industries and the making of the Dutch Golden Age – Projekt, das in einer nachhaltigen Infrastruktur Quellen zur Produktion von Kulturgütern in den Niederlanden während der Frühen Neuzeit zusammenträgt und sie mit Linked Open Data-Verfahren vernetzt.

China Biographical Database (CBD) – Datenbank für die Recherche chinesischer Personen des 7.–19. Jahrhunderts, die mit Methoden des Text (Data) Minings versucht strukturierte Daten aus Quellen zur chinesischen Geschichte zu erheben.

Repertorium Academicum Germanicum (RAG) – Datenbank, die biografische, soziale und kulturelle Daten der universitären Gelehrten des Alten Reiches bis 1550 erfasst.

CIDOC Conceptual Refence Model (CIDOC CRM) – Referenzmodell zur standardisierten Beschreibung von Daten zu Kulturgütern mit dem Ziel ein gemeinsames Verständnis von Informationen über Objekte des Kulturerbes herzustellen (Ontologie).

Karoline Döring
Karoline Döring

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Karoline Döring (28. April 2025). Vorname „Süßkind Zuschinus Jekutiel“? Nachname „von Weinheim, de Francfort“? Digital Humanities an der Universität Salzburg. Abgerufen am 6. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/13ttp


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